Kirchenland neu denken: "Lebensraum, Wasserspeicher, Klimaschützer, Lernort"

Bischöfin: "Zwei Best-Practice-Beispiele für die Verpachtung kirchlicher Flächen"
Nieharde/Schönwalde - August 2026
Viele Kirchengemeinden besitzen Land, das sie seit Jahrzehnten an Landwirte verpachten. Heute ist es umso wichtiger darauf zu achten, dass bei der Bewirtschaftung auf Naturschutz, Artenvielfalt und Nachhaltigkeit geachtet wird. “Kirchenland ist Lebensraum, Wasserspeicher, Klimaschützer und Lernort zugleich. In diesem Sinne zeigen die Kirchengemeinden Nieharde und Schönwalde eindrücklich, wie viel Gestaltungskraft in unseren Gemeinden steckt”, betonte Nora Steen, Bischöfin im Sprengel Schleswig und Holstein, bei einem gemeinsamen Besuch mit Umweltminister Tobias Goldschmidt in den zwei Gemeinden im August.
Bild: Bischöfin Nora Steen und Minister Tobias Goldschmidt in der Gemeinde Schönwalde im Kirchenkreis Ostholstein.
Nieharde: Vergaberichtlinie für Kirchenland erarbeitet
In der Gemeinde Nieharde im Kirchenkreis Schleswig-Flensburg sind Umwelt- und Klimaschutz wichtige Themen: Sie hat unter anderem Gebäude energetisch saniert und ihre Wärmeversorgung auf erneuerbare Energie umgestellt, ist als “Ökofair” zertifiziert und hat eine Vergaberichtlinie für die Verpachtung ihrer Flächen erarbeitet.
Schönwalde: Naturerlebnisraum für Alle
In Schönwalde im Kirchenkreis Ostholstein ist auf einer rund 4,5 Hektar großen Fläche rund um die Kirche und das historische Pfarrhofensemble aus Pastorat, Gemeindehaus und Pfarrscheune ist seit Mitte 2013 ein vielschichtiger Naturerlebnisraum (NER) entstanden, der nicht nur das kirchengemeindliche Leben bereichert, sondern auch der örtlichen Bevölkerung und dem Tagestourismus zu Gute kommt.

Zwei ganze Tage gemeinsam auf dem Weg: “Staat und Kirche müssen im Einklang mit der Natur arbeiten”, betonte Minister Tobias Goldschmidt.
Nieharde: Vertrauen und Transparenz sorgen für die nötige Akzeptanz
In den Gesprächen mit Engagierten in den beiden Gemeinden wurde deutlich, wie eine nachhaltigere und ökologischere Bewirtschaftung kirchlicher Flächen gelingen kann: “Jeder Kirchengemeinderat kann den ersten Schritt wagen. Es braucht nicht den großen Wurf”, ermutigte Martin Pankratz aus Nieharde. Das Thema sei einerseits sehr emotional und könne schnell zu Konflikten mit den Pächtern führen. Andererseits erkenne die Gemeinde ihre Verantwortung, ökologische Landwirtschaft zu fördern. Eine transparente und einfach umzusetzende Vergabematrix mit zu vergebenen Punkten, die im Kirchengemeinderat abgestimmt sei, habe sehr geholfen.
Ein Pachtvertrag laufe zehn Jahre. Mittlerweile sei eine klare Verschiebung hin zu ökologischer Landwirtschaft erkennbar, erläuterte Dr. Hans-Heinrich Hennings aus dem Kirchengemeinderat. 90 Prozent der neuen Pächter seien Ökobetriebe. Insgesamt seien im Rahmen der letzten Vertragsverhandlungen knapp die Hälfte aller Flächen an Betriebe gegangene, die auch vorher bereits Pächter waren und sich nun an die neuen Vergabekritierien halten.

In der Gemeinde Nieharde trafen sich Bischöfin Nora Steen und Minister Tobias Goldschmidt mit Mitgliedern des Kirchengemeinderats und Pastorin Claudie Schlottke. Organisiert wurde der Besuch von Jan Menkhaus, wissenschaftlicher Referent beim Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt und zuständig für das Thema Kirchenland, ebenso von Wilko Teifke, Landeskirchlicher Beauftragter, und Umweltpastor Christoph Fasse.

In der Gemeinde Schönwalde freute sich ein großes Team auf den Besuch der Bischöfin und des Ministers: Hier diskutierten unter anderem Propst Dirk Süssenbach, zahlreiche Mitglieder des Kirchengemeinderats, zwei junge Menschen, die ein Freiwilliges Ökologisches Jahr in dem Projekt leisten, und die Biologin Dr. Katrin Romahn, die in einem Vortrag das Projekt vorstellte.
Schönwalde: Bei Verträgen Soziales, Umweltschutz und Ertrag in Einklang bringen
Die Synode des Kirchenkreises Ostholstein hatte 2022 beschlossen, Biodiversität auf kirchlichen Flächen zu fördern und zu erhalten. Daraufhin sei für jede Fläche ein Gutachten erstellt worden. Entsprechende Maßnahmen hätten, so die Biologin Katrin Rohman, dazu geführt, dass sich die Natur deutlich erholt habe. Für die verpachteten Flächen gilt, dass 15 Prozent Bio-zertifiziert sein sollen. Zwar gibt es in der Region kaum Biohöfe, dafür aber konventionelle Höfe, die flächenspezifisch die Bio-Vorgaben einhalten.
Im vergangenen Jahr sei das Pachtvergabeverfahren überarbeitet worden, um für mehr Transparenz und Vertrauen zu sorgen. “Pachtentscheidungen werden selten für alle im Einverständnis getroffen, das muss man aushalten, dies stellt aber nicht das Konzept der Pachtvergabe infrage. Transparenz in der Pachtvergabe ist die Grundlage für Akzeptanz”, berichtete Ulf Köhn aus dem Kirchengemeinderat. Neuverpachtungen werden nun so ausgeschrieben, dass jeder Betrieb - egal ob konventionell oder Bio – einen Vorschlag zur Nutzung der Flächen einreichen kann. Die Kirchengemeinde bzw. der Land- und Pachtausschuss wählt dann aus den Angeboten aus, welcher Vorschlag dem gesetzten Rahmen am nächsten kommt. “Das schafft Augenhöhe und Chancengleichheit”, so Ulf Köhn.

Expertise und Kompetenz aufbauen - über Grenzen hinweg
“Wir sind angewiesen auf die Leute vor Ort, Ehrenamtliche, die sich die Themen vornehmen”, betonte Bischöfin Steen. Kompetente Entscheidungen und der Überblick über alle Regeln und Vorgaben müssten daher auch für Ehrenamtliche machbar sein. Dass diese Fragen gerade für Menschen in Ehrenamt eine große Aufgabe und Herausforderung sind, berichtete auch Propst Süssenbach.
Umso wichtiger ist es daher, voneinander zu lernen und bereits vorhandene Expertixe zu nutzen, auch über Gemeinde- und Kirchenkreisgrenzen hinweg. In Schönwalde orientiere sich der Ausschuss daher an offiziellen Zertifizierungen wie “Grünland” oder “Bio”, und nutze auch Verpachtungsgrundsätze und -verfahren anderer Landeskirchen und der AG Bäuerliche Landwirtschaft.